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Deutsches Wanderabzeichen

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Karsten Blicker

Geschichte Nummer 2

An einem herrlichen Spätsommersonntag machen sich meine Freundin und ich früh morgens auf den Weg, um von Königsberg aus unseren Hausberg – den fast 500 Meter hohen Dünsberg – zu besteigen. Da wir noch nicht gefrühstückt haben, bedienen wir uns an dem großen Tisch, den Mutter Natur reichhaltig für uns gedeckt hat. Hier ein paar leckere Pflaumen vom Baum, dort einige energiebringende Haselnüsse vom Strauch und zum Nachtisch noch ein paar süß-säuerliche Beeren vom Weißdorn.

 

 

 

 

 

Unterwegs genießen wir die herrliche Ruhe, nur vereinzelt unterbrochen von den wohlklingenden Geräuschen der Natur: Die ersten Vögel zwitschern von den Bäumen, im Laub rascheln flink umherflitzende Mäuse und in der Ferne hört man den Ruf eines Rehs. Hinter dem Dünsberg geht langsam die Sonne auf, hat aber noch nicht genug Kraft, den Morgennebel aus dem Dünsbergsgrund zu vertreiben. Dort angelangt, treffen wir auf eine gute Freundin von uns, die gerade die Wegmarkierungen überprüft und bei Bedarf ausbessert. Eine Tätigkeit, die man gar nicht genug wertschätzen kann! Macht es die Markiererin damit doch für alle Naturfreunde möglich, unsere herrliche Region sicher zu erwandern und zu erleben. Wir sind nun am niedrigsten Punkt der Tour angelangt und treten in einen Wald ein, um mit dem Anstieg zum Dünsberggipfel zu beginnen. Nach den ersten Metern wird es mir etwas schummrig und als ich nach oben in die Baumwipfel blicke, kommt es mir zudem so vor, als ob die Bäume vollhängen mit unzähligen Kaffeekannen und Tonkrügen. Träume ich oder halluziniere ich etwa? Hatte ich vorhin vielleicht doch keine Beeren vom Weißdorn gegessen? Ob ich den Aufstieg in dieser Verfassung schaffe oder ob die Tour bereits hier vorbei ist?

Und das, wo ich doch gerade heute auf dem Gipfel etwas ganz Besonderes geplant habe …

Die ersten Meter des Anstiegs zum Dünsberg sind mühsam, aber es geht mir langsam besser und die Befürchtung, am Morgen giftige Beeren genascht zu haben, verfliegt zunehmend. Knapp 300 Höhenmeter liegen nun noch vor uns, auf kleinen Waldwegen bahnen wir uns den Weg in Richtung Gipfel. Nach einer Viertelstunde erreichen wir die beeindruckende Jahneiche, die vor genau 90 Jahren zu Ehren des bekannten Turnvaters gepflanzt wurde und sich seitdem prächtig entwickelt hat. Die neu aufgestellten Bänke und Tische laden auch uns zu einer kurzen Rast ein, anschließend kämpfen wir uns - begleitet von den Sonnenstrahlen, die sich langsam wärmend zischen den dichten Ästen bemerkbar machen - Schritt für Schritt weiter nach oben. Plötzlich begegnen uns am Wegesrand ein Adler und ein Marder – wieder eine Halluzination? Nein, es handelt sich um zwei von zahlreichen Holzskulpturen, die den gesamten Berg überziehen und Teile der keltischen Besiedlungsgeschichte in der Region darstellen. Mit den beiden Tieren blicken wir gemeinsam zurück auf unseren Ausgangsort Königsberg, dessen Schloss auch aus dieser Entfernung noch gut zu erkennen ist.

Es erfüllt uns mit Stolz, welche Strecke wir bereits aus eigener Kraft bewältigt haben und nutzen diesen Energieschub für den letzten kurzen, aber steilen Anstieg. Begleitet vom Glockenklang der Kirchen in den umherliegenden Dörfern erreichen wir pünktlich um 8 Uhr den Dünsberggipfel. Kurz fährt uns noch der Schreck in die Knochen, als wir am Himmel ein fliegendes Skelett erblicken. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um einen Spielzeugdrachen, der vermutlich von einem Kind nicht mehr gehalten werden konnte und seitdem um den Dünsbergturm kreist.

Auf dem neu errichtetet Spielplatz, der Kinder den anstrengenden Aufstieg gerne bewältigen lässt, entdecken wir zudem eine kleine Werkzeugbox mit Farben. Unser Freund und Hüttenwirt Toto hat sich hier mal wieder etwas Besonderes einfallen lassen: Er überlässt die farbliche und künstlerische Gestaltung einer kürzlich aufgestellten Kletterwand einfach den „kleinen Gästen“. Aber auch wir freuen uns nun auf ein ganz besonderes, zu der Jahreszeit passendes Frühstück - was das wohl sein mag?  Und auch wenn wir den Gipfel bereits erklommen haben, sollte es heute noch höher hinaufgehen: Zu dem eigentlichen Highlight des Tages …

Wir suchen uns im Freien ein lauschiges Plätzchen und genießen die Ruhe des zu dieser Zeit noch wenig besuchten Ausflugsziels. Und auf etwas Besonderes haben wir uns schon die ganze Wanderung über gefreut: Ein leckeres Weißwurstfrühstück, dazu – wenn auch nicht ganz stilecht – ein alkoholfreies Weizenbier sowie eine gute Tasse Kaffee. Über uns im Baum hämmert ein Specht, der sich sein Morgenmahl ähnlich mühsam verdienen muss wie wir mit dem Aufstieg. Nach dem ausgiebigen Frühstück schlage ich vor, noch den knapp 30 Meter hohen Aussichtsturm zu besteigen – natürlich nicht ganz ohne Hintergedanken. Genau 106 Stufen sind zu bewältigen, um dann mit einer grandiosen Rundumsicht über die Baumwipfel belohnt zu werden. Da meine Freundin nicht ganz höhentauglich ist, erreicht sie die Turmspitze mit leicht zittrigen Knien. Auch ich bin etwas nervös, was ihr natürlich sofort auffällt. Als ich mich hinknie, wird ihr der Grund für meine Nervosität schnell klar. Nach einer kurzen Einleitung stelle ich ihr die schon lang erhoffte Frage: „Möchtest Du mich heiraten?“. Wohlwissend, welche Antwort sie geben wird, bekomme ich ein in Freudentränen aufgelöstes „Ja, ja, ja!“ zu gehaucht. Wir halten uns noch lange im Arm und blicken gemeinsam auf der einen Seite über das Gießener Land, in der anderen Richtung auf unser Heimatörtchen Königsberg, über dem noch der Vollmond der letzten Nacht zu sehen ist. Danach beginnen wir langsam mit dem Abstieg vom Turm sowie vom Dünsberg, verabschieden uns aber vorher noch beim Gipfelwirt Toto.

Vor der Gaststätte stehen ordentlich aufgereiht ein paar Wanderstiefel, die wir schnell einer Gruppe von Seniorinnen und Senioren zuordnen können, die beinahe jeden Sonntag den beschwerlichen Weg hier hoch auf sich nehmen. Wir begrüßen die Gruppe am Stammtisch und hoffen beide, im hohen Alter noch genau so fit zu sein und dann ebenfalls dort sitzen zu können. Beim Abstieg kommt uns schon die nächste Gruppe Wanderer entgegen, die sich von den Strahlen der aufgehenden Sonne im Rücken wärmen lässt. Wir marschieren durch einen ehemals recht dichten Nadelwald. Leider hat der letzt- und diesjährig sehr warme und trockene Sommer den Bäumen stark zugesetzt. Vielleicht ist doch was dran am Klimawandel? Zudem hat auch der Borkenkäfer noch sein Übriges dazu beigetragen. Wir freuen uns jedoch gut gestärkt und mit einem Lächeln im Gesicht auf die noch bevorstehende Wandertour, die uns über herrliche Naturpfade nach einigen Kilometern wieder zurück nach Hause führen soll. Und wenn meine Freundin wüsste, dass ich mir für den Abend noch etwas ganz Besonderes ausgedacht habe! Aber auch auf mich sollen heute noch ein paar Überraschungen zukommen…

Für den Abstieg vom Dünsberg wählen wir einen anderen Weg als beim Aufstieg und durchwandern dabei einige Ringwall-Anlagen, die in der Zeit der keltischen Besiedlung Schutz vor Eindringlingen boten. Schon bald erreichen wir eine aufwändig und liebevoll zu einem Bauernhof umgestaltete, ehemalige Mühle. Dort treffen wir auf eine Gruppe von etwa 20-25 Wanderern, die sich gerade mit Fackeln bewaffnet aufmachen, um im Anschluss an eine schöne Tagestour noch in unserem Nachbarort Hohensolms eine Nachtwanderung zu unternehmen. Unter Gleichgesinnten kommt man natürlich schnell ins Gespräch und der Wanderführer - herzlich „Opa Erhard“ genannt - erzählt mir, dass er gemeinsam mit der Truppe regelmäßig Wanderungen zum Erwerb des Deutschen Wanderabzeichens unternimmt. Dabei fällt mir ein, dass auch wir den Wander-Fitness-Pass noch in der Tasche haben und darin nur wenige Kilometer fehlen, um endlich unser erstes Abzeichen in Bronze zu erlangen. Da die Wanderfreunde nicht aus der hiesigen Gegend kommen und sich des Weges etwas unsicher sind, bieten wir ihnen an, sie bis zu ihrem Ziel zu begleiten. Auf unserem unterhaltsamen Weg entlang des Dünsbergbachs fällt mir auf der angrenzenden Wiese ein Luftballon ins Auge, der durch eine angebundene Karte am Weiterflug gehindert wird. Auf dieser Karte wird der Finder gebeten, dem Brautpaar Bianka und Jens aus Willingen zur Hochzeit zu gratulieren - welch ein passender Zufall! Natürlich kommen wir der Bitte in den nächsten Tagen gerne nach und schicken dem frisch vermählten Paar herzliche Grüße nach Nordhessen.

Zurück am Wegesrand, lacht mich plötzlich ein kleiner, scheuer Feuersalamander an, der - da eigentlich eher nachts und bei Regen aktiv - sich wohl ein wenig in der Zeit vertan hat. Toll, ein solch seltenes Tierchen mal wieder zu Gesicht zu bekommen. Kurz vor Hohensolms erreichen wir dann das „Helfholz“, einen schönen und überwiegend mit Laubbäumen besetzten Wald. Ich erzähle der Gruppe kurz von der Namensherkunft: Im Kampf gegen die Römer seien hier die Germanen in arge Not geraten und hätten die Bäume oder den Gott der Bäume angefleht, ihnen Schutz zu gewähren - angeblich mit Erfolg! Umso überraschter sind wir, als kurz darauf an einem Baumstamm ein mysteriöses Gesicht erscheint. Gibt es den „Gott der Bäume“ wirklich oder war es doch einfach nur ein durch Zusammenspiel von Sonnenlicht und Blattwerk erzeugtes Schattenbild? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. Am Ziel unserer gemeinsamen Tour angelangt, verabschieden wir uns herzlich von der Truppe und natürlich von „Opa Erhard“, der uns als Dankeschön für die Begleitung mit den noch fehlenden Kilometern im Wanderpass belohnt. Wir setzen unseren Weg weiter fort in Richtung Heimat und nutzen bei der Moritzburg, einem am Ortsrand unseres Dorfes gelegenen Bauernhof, die vom örtlichen Sportverein aufgestellte Baumelbank für eine kurze Rast. Dort gönnen wir unseren Beinen eine wohlverdiente Pause, den mittlerweile wieder hungrigen Mägen etwas Sättigung in Form von Müsliriegeln und unserer Seele einen tollen Blick auf Königsberg, den Dünsberg und über das Gießener Land. Die Nachmittagssonne im Rücken, erblicken wir auf dem Geprägskopf - einer kleinen Erhebung am anderen Dorfende - einen hellrot leuchtenden Punkt. Eventuell ein unachtsam gelegtes Feuer, das außer Kontrolle geraten ist? Meine künftige Gemahlin ist etwas besorgt. Doch ich kenne des Rätsels Lösung, die ich natürlich jetzt noch nicht preisgeben möchte …

Um der Ursache der leuchtenden Erscheinung am Geprägskopf auf den Grund zu gehen, schlage ich meiner Freundin vor, dass wir zum Abschluss des Tages noch dorthin wandern. Das Aufstehen von der gemütlichen Baumelbank fällt uns etwas schwer, aber die Neugierde und das tolle Wetter geben uns dann doch den nötigen Antrieb. Wieder unterwegs, machen wir einen kurzen Abstecher zu einer angrenzenden Wiese, auf der uns ein Apfelbaum besonders ins Auge fällt: Sein Stamm wurde vor geraumer Zeit vom Blitz getroffen und in der Mitte geteilt. Dennoch trägt er Früchte, von denen wir uns ein paar für später mitnehmen. Zurück auf dem befestigten Fahrweg, müssen wir leider feststellen, dass wir der „Zivilisation“ bereits wieder sehr nahe sind: Hier und dort liegt Müll am Wegesrand, der durch unvernünftige Leute achtlos weggeworfen wurde. Für solche Zwecke habe ich immer einen kleinen Beutel zum Aufsammeln dabei, um den Abfall dann später ordnungsgemäß zu entsorgen. Sicherlich ist dies nicht die Ideallösung zur Erziehung der Umweltsünder, aber so finden zumindest nachfolgende Wanderer und Spaziergänger eine schöne Umgebung vor. Kurz darauf gelangen wir an einen kleinen Steinbruch, der im Rahmen von Straßenbaumaßnahmen in den 1970er-Jahren Verwendung fand, mittlerweile aber wieder erfolgreich von der Natur zurückerobert wurde. Darin tümmeln sich zahlreiche Tiere, die – aufgrund des schwer zugänglichen Geländes – hier sehr gut geschützt sind. Uns fährt kurz ein Schreck in die Glieder, als sich vor uns ein kleines Tierchen langschlängelt! Ich kann schnell noch ein Foto von dem Reptil machen, bevor es im Gestrüpp verschwindet. Wie wir später mit Hilfe des Bildes feststellen, handelte es sich um eine Schlingnatter, die wohl auch die Geborgenheit des Steinbruchs aufgesucht hat. Der Anstieg zum Geprägskopf gestaltet sich noch mal etwas steiler und entsprechend anstrengend. Die letzten Meter führen dann zum Teil durch wegloses Gelände und über einige lose Steine, was uns aber auf Grund unserer guten Wanderschuhe keine Probleme bereitet.

Von der Anhöhe haben wir wieder einen tollen Blick auf Königsberg und schnell wird auch klar, dass es sich bei dem leuchtenden „Etwas“ doch nicht um ein Feuer, sondern ein dort aufgeschlagenes Zelt handelt. „Das ist doch deins!“ sagt meine Freundin zu mir und ich lächle ihr verschmitzt zu. Natürlich ist es mein Zelt, das ich am Tag zuvor hier aufgebaut habe und das uns nun zum Abschluss des herrlichen Tages als Herberge dienen soll. Wir setzen uns vor die heutige Unterkunft und entzünden ein kleines Lagerfeuer.  Im Zelt habe ich auch etwas zu Essen deponiert, das wir dann über den wärmenden Flammen zubereiten und im Anschluss – zusammen mit einem Gläschen leckeren Rotwein – genießen. Wir sitzen noch lange am Feuer und lassen den wundervollen Tag mit all seinen tollen Begegnungen und Erlebnissen Revue passieren. Dabei fällt mir ein Spruch von Johann Wolfgang von Goethe ein: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.” – wie treffend! Irgendwann krabbeln wir dann erschöpft in unsere Schlafsäcke und schlafen auch bald darauf müde, aber glücklich ein. Nach einer sehr erholsamen und mit ausreichend Schlaf gesegneten Nacht dürfen wir am nächsten Morgen aus dem Zelt heraus einen tollen Sonnenaufgang über unserem „Schicksalsberg“ – dem Dünsberg – erleben. Und: Da war doch noch was? Natürlich! Unser Wanderpass, mit dem wir noch am gleichen Tag unser erstes Wanderabzeichen beantragen, das wir dann auch einige Wochen später stolz wie Bolle in den Händen halten dürfen! Und bestimmt war es noch lange nicht das letzte für uns … 

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