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Deutsches Wanderabzeichen

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Marita Uterwedde

Geschichte Nummer 3

Den Wander-Fitness-Pass in der Hand, machte ich mich zusammen mit ein paar Wanderfreunden unseres örtlichen Wandervereins „Gut Fuß“ auf den Weg zum Deutschen Wanderabzeichen. Es war ein milder sonniger Herbsttag. Unser Wanderziel waren die Kufenklippen; eine schöne abwechslungsreiche Tour. Oben angekommen, kann man den Blick weit über die bunt gefärbten Wälder schweifen lassen und bei guter Fernsicht sogar weit ins Flachland schauen. Frisch und gut gelaunt zogen wir los in Richtung Wald. Am Waldrand hatten sich im Laufe der Zeit dichte Hecken gebildet. Zwischen wilder Brombeere, Hartriegel und Weißdorn wuchsen Brennnesseln und Gräser meterhoch. Die Weißdornsträucher trugen jetzt üppig in dichten Büscheln rote Früchte. Das leuchtende Rot der Beeren allein war schon ein Hingucker, doch viel wichtiger sind sie Nahrungsquelle für unsere einheimischen Vögel. Kaum hatten wir den Mischwald erreicht, kündigte der Eichelhäher unser Kommen mit lautem Gekreische an und warnte damit seine Mitbewohner. Kurz darauf sahen wir, dass wir nicht allein im Wald waren. Eine junge Frau stand mit Pinsel und weißer Farbe an einer Fichte und markierte den Stamm mit chinesischen Schriftzeichen. Wir erfuhren, dass es ein kleiner Willkommensgruß für Studenten aus der chinesischen Partnerstadt war. Denn in Kürze wollten sie unsere Region besuchen und in diesem Zusammenhang war mit ihnen eine kleine Wandertour geplant. Bald verließen wir den Mischwald und betraten nun den breiten Oberförster-Zapf-Weg, der uns bergan durch den Fichtenwald führte. Markant war eine Fichte, an deren längst abgestorbenen Ästen verschiedene Kaffeekannen und Becher baumelten. Dienten sie als Unterschlupf für Kleintiere und Insekten oder sollte es einfach nur Dekoration sein? Wir wussten es nicht, doch witzig sah es aus. Gleichzeitig ermahnten uns die Becher zur kurzen Trinkpause. Bis hierher war unsere Wanderung bereits abwechslungsreich; doch wir ahnten nicht, dass der Tag noch viel mehr Erlebnisse für uns parat hatte…

Nachdem wir getrunken und die sanft baumelnden Krüge zur Genüge betrachtet hatten, zogen wir rasch weiter. Der breite Fahrweg zog sich dahin, vorbei am alten Gedenkstein zu Ehren des ehemaligen Oberförsters Zapf. Dann hielt unser Wanderleiter Herbert inne. Er erinnerte sich, dass er hier in Jugendjahren oft den Alternativweg gegangen war. Wie mag der Weg wohl heute beschaffen sein? War er völlig verwachsen? Das klang nach Abenteuer und da alle Wanderer dieser Tour sprichwörtlich „fit wie Turnschuhe“ waren, stimmten wir zu. Also bogen wir links in den schmalen Waldweg ab. Dicht ragten die Fichtenkronen über uns und nur hier und da schien ein Sonnenstrahl hindurch. Angenehm duftete es nach feuchtem Waldboden. Wenig Vogelgesang gab es hier. Nur manchmal konnten wir das langgezogene Piep einer Tannenmeise vernehmen. Während wir im Gänsemarsch aufwärts gingen, war ein eigenartiges rhythmisches Geräusch zu hören. War es ein Stampfen oder Getrappel? Wanderfreundin Bärbel, stets aufmerksam und vorsichtig, fragte: „Hört ihr das auch?“ Natürlich hatten wir es auch wahrgenommen. Wir horchten, gingen weiter und horchten wieder. Uns war nicht klar, was es zu bedeuten hatte, woher es kam und vor allem, wer es verursachte. Es war ein wenig unheimlich. Und dann sahen wir es. Links oben am Hang rannte eine Rotte Wildschweine im Galopp bergabwärts. So schnell, wie sie kamen, waren sie auch wieder verschwunden. Puh, wir schauten uns erschrocken an, atmeten erleichtert auf und waren froh, dass sie unseren Weg nicht gekreuzt hatten. Den Schreck noch in den Gliedern zogen wir weiter und kamen auf eine Lichtung. Schon von weitem sahen wir am Wegesrand etwas Blaues im Gras liegen. War das nicht die Malerausrüstung der jungen Frau, die chinesische Schriftzeichen an Bäume malte? Tatsächlich, sie kam schmunzelnd mit ein paar Steinpilzen in den Händen aus dem Gebüsch. Wir schmunzelten zurück und setzten unseren Weg fort, bis wir unser Etappenziel Schloss Kufenbrunn erreichten. Stattlich stand es da mit seinen markanten Türmen, umringt von alten Bäumen inmitten der Natur. Es hielt sich aber ein Gerücht, dass vor vielen, vielen Jahren in einer stürmischen Nacht mal ein Landsmann verschwunden ist und nie mehr gesehen wurde. Seitdem munkelt man, dass ab und zu sein Skelett im Mondschein an der Schlossmauer gesehen wurde. Da Schloss und Spuk untrennbar miteinander verbunden sind, hat man dem Ganzen spaßeshalber noch die Krone aufgesetzt. So wedelt auf einem der Türme, im Bild ist es gerade durch Bäume verdeckt, ein schwarzes Skelett im Wind und grüßt die Besucher von oben herab. Wir suchten uns im Schlosshof ein Plätzchen für eine Pause und während wir unsere Brote auspackten, blinzelten wir dem Skelett gedankenvoll zu.

Schön saß es sich in der Herbstsonne, doch wir mussten los, wollten wir unser Tagesziel „Altes Forsthaus“ noch im Hellen erreichen. Wir ließen das Schloss hinter uns und begaben uns wieder auf die alte Fahrstraße. Rechts und links des Weges stand fast mannshoch der Adlerfarn in der Herbstfärbung rostbraun. Bald roch es wunderbar nach frisch geschlagenem Holz. Am Waldrand lagen etliche Festmeter Langholz, ordentlich gestapelt und markiert. Es ging stetig bergauf. Einige gingen still vor sich hin, andere unterhielten sich. Die Herren streiften die Themen Politik und Fußball, bei den Damen dagegen war die Palette viel breiter. Umso steiler es wurde, umso mehr kamen wir ins Schwitzen und umso weniger wurde erzählt. Die Sonne hatte ihren Zenit längst überschritten und wir unsere Konstitution allmählich auch. So sehnte sich ein jeder nach dem alten Försterhaus. Irgendwann erreichten wir es. Umgeben von Gebirgshöhen stand es in einer Talsenke gut geschützt im Wald. Hier kreuzten sich Wanderwege aus verschiedenen Richtungen quer durch das Kufengebirge.

Am Forsthaus standen, ordentlich aufgereiht, bereits vier Paar Wanderschuhe in der Abendsonne. Sie signalisierten uns, dass noch weitere Wanderer hier übernachteten. Es würde sicher ein geselliger Abend werden; schließlich hatten wir einiges zu erzählen. So kam es auch. Unser Wildschweinerlebnis war natürlich das Ereignis des Tages. Die vier Wanderer waren junge Leute aus der Landeshauptstadt, alle im Alltag und Beruf fest eingespannt. Dem wollten sie für ein paar Tage entfliehen und die Natur mal wieder hautnah erleben. Mal frische Waldluft schnuppern, Vögel singen hören und gleichzeitig etwas für die Fitness zu tun. Besonderer Höhepunkt ihrer kleinen Auszeit sollte das Betrachten des Sonnenaufgangs sein. Die Chancen dafür standen gut. Peter, das ist unser Wanderfreund, der stets seinen Fotoapparat bereithält und deshalb scherzhaft auch mal Paparazzi genannt wird, wollte sich ihnen anschließen. Es war spät geworden, wir waren geschafft und hoben alsbald die Abendrunde auf. Bevor wir in unsere Kammern gingen, traten wir noch einmal auf den kleinen Balkon des Forsthauses. Frisch war es geworden und rabenschwarz umgaben uns die Berge.

Der Mond war aufgegangen, doch er hatte es schwer, zwischen den dicken Wolken hervor zu lugen. Und Herbert, immer für einen Spaß bereit, fragte gähnend: „Na, ob das Skelett wohl heute an der Schlossmauer wandelt?“ Die Wecker klingelten in der Frühe, die jungen Männer standen auf und begaben sich fröstelnd auf die Wiese, um den Sonnenaufgang zu erwarten. Nur wo blieb Peter? Er hatte verschlafen. Als er endlich wach wurde, sprang er in seine Sachen, schnappte sich noch schnell seine Kamera und rannte los. Die Sonne stieg bereits über den Bergen auf. Und da wurde er plötzlich fasziniert von dem Bild, wie die vier jungen Wanderer im Frühnebel vor der aufgehenden Sonne standen und lange Schatten warfen. Es wurde sein Schnappschuss des Tages.

Noch während wir frühstückten, verabschiedeten sich die vier jungen Wanderer und gingen mit großen Schritten davon. Doch auch wir wollten wieder auf die Piste und verließen alsbald das schöne alte Forsthaus. Auch an unserem zweiten Tag hatten wir sonniges Herbstwetter, wenn auch deutlich kühler. Es stand uns eine lange, doch landschaftlich sehr reizvolle Etappe im Kufen-Nationalpark mit seinen bekannten Felsformationen bevor. Wir wanderten noch ein gutes Stück durch den schützenden Wald, bis wir den Höhenweg erreichten. Hier wurde die Vegetation merklich spärlicher. Von hier oben hatten wir einen sensationellen Blick weit ins Kufen-Vorland. Der Frühnebel lag noch vereinzelt wie ein weißer weicher Teppich im Tal. Über uns vernahmen wir den Ruf der Kolkraben, die in großen Schwingen über die Berge kreisten. Am Wegesrand machte uns ein Schild darauf aufmerksam, dass wir uns von nun an im Naturschutzgebiet befanden. Herbert, unser Wanderleiter, erinnerte uns noch einmal an die drei Regeln: man ging nur auf markierten Wegen, hinterließ nur Fußabdrücke und nahm nur Fotos mit. Wir nickten mit einem schelmischen Lächeln, was bedeuten sollte, dass wir die Regeln zur Genüge kannten. Dann kamen wir zu den ersten Klippen. Wie wild hingeworfen lagen sie kreuz und quer umher. Am Fuße eines großen Granits stand eine winzige Fichte, an einer anderen Stelle lehnte sich eine schlanke Birke an den Stein, in der Hoffnung, dass er sie ein Leben lang beschützen möge. Während wir so dahin gingen, bestaunten wir diese bizarre Landschaft, bis Herbert jäh stehen blieb. Er zeigte stumm in eine Richtung und wir sahen eine kleine Gruppe Muffelwild. Die Tiere standen zwischen den Klippen kurz vor einem steinigen Abhang. Längst hatten sie uns erspäht. Was hatten wir doch für ein Glück, sie in freier Wildbahn zu sehen, wo sie doch inzwischen so selten geworden sind. Ein Tier scharrte sogar mit dem Vorderhuf, doch dann waren sie in wenigen Sätzen zwischen den Klippen verschwunden. An einer windgeschützten Stelle waren Steine für eine Rast angeordnet und da es um die Mittagszeit war, ließen wir uns die Lunchpakete vom Forsthaus schmecken. Danach saßen wir noch ein wenig gedankenversunken in der Herbstsonne. Da hörte ich ganz in meiner Nähe etwas rascheln und zwischen Geröll und Steinen kam ein Feuersalamander hervor.

Sicher wollte er in der Mittagssonne seine Glieder aufwärmen. Kurz sahen wir uns Aug‘ in Aug‘ und bevor ich es den anderen zeigen konnte, huschte er davon. Dann gingen wir auf dem Höhenweg weiter, bis es eine Zwangspause gab. Bärbel hatte einen Stein im Schuh und während wir auf sie warteten, blickten wir sinnend auf eine Fichte, wo sich durch Schattenwirkung ein helles Gesicht zeigte. Und je nachdem, wie der Wind die Zweige bewegte, veränderte sich das Gesicht zu einem Lächeln oder zu einer Grimasse. Wahrhaft, eine faszinierende Laune der Natur. Kurz darauf verschwand die Sonne und der Himmel zog sich zu. Wir glaubten es kaum, denn kurze Zeit später prasselte ein Hagelschauer auf uns nieder. Schnell begann es zu dämmern und wir waren sichtlich erleichtert, als wir erste Lichter des nächstgelegenen Städtchens unweit des Kufen-Nationalparks sahen. War da nicht auch Musik zu hören? Gespannt gingen wir weiter. Als wir näher kamen, trafen wir auf fröhliche Leute mit Fackeln und Lampions zu einem Umzug. Doch wofür oder aus welchem Anlass?

Der Fackelumzug kam uns direkt entgegen auf dem Schützenplatz, wo das alljährliche Brauchtumsfest um den Martinstag für Groß und Klein stattfand. Hier war gerade ein Schneeschauer runter gegangen, so dass die Festwiese für kurze Zeit weiß war. Ja, auch die Mittelgebirge waren vor Wetterkapriolen nicht gefeit. Doch das kleine Bergvölkchen war darauf eingestellt. Musik und Stimmung waren mitreißend und bevor wir uns versahen, waren wir mittendrin im Gewühle. Auf dem Festplatz brannte ein großes Lagerfeuer. Dicke Holzscheite prasselten, Funken flogen durch die Luft. Fremde wurden stets freundlich aufgenommen und so gab es auch für uns eine heiße Suppe und wärmenden Tee. Damit endete unser zweiter Wandertag. Am nächsten Morgen lachte die Sonne wieder vom Himmel, wir waren guten Mutes und besprachen beim Frühstück unsere letzte Etappe. Sie war nicht sehr weit, doch anstrengend, weil wir den höchsten Gipfel des Kufengebirges ersteigen wollten. So verließen wir das kleine bunte Städtchen und wanderten los. Es ging stetig aufwärts und in unsere Sichtweite kam ein Gebiet, wo vor Jahren Kyrill mit zerstörerischer Kraft gewütet und den Fichten regelrecht die Baumkronen abgedreht hat. Nun standen sie da wie riesige ausgefranste Marterpfähle. Aber die Forstwirtschaft ist längst tätig geworden. Denn schon bald liefen wir vorbei an einer Schonung, in der kleine Bäume in Reihe und Glied standen, gut geschützt mit einem Zaun, damit Hirsch, Reh und Co. nicht wild an ihnen herumknabberten. Wir sahen, wie die extreme Trockenheit der letzten beiden Sommer dem Nachwuchs des Waldes zu schaffen machte. Erschwerend hinzu kam die Plage der Borkenkäfer. Besorgt schauten wir zu den Bäumchen und hofften, dass unsere Waldvögel hier regelmäßig den einen oder anderen Käfer vernaschten. An einer Gabelung mussten wir uns zwischen zwei verschiedenen Wegen entscheiden. Die meisten Wanderer bevorzugten den breiten Forstweg, weil er einfacher zu laufen war. Wir nahmen jedoch den Hexenstieg, der durch Misch- und Nadelwälder, vorbei am alten Hochmoor und über steinige Klippen nach oben führt. Dank unserer guten Wanderschuhe gingen wir sicheren Schrittes über das Felsgestein. Es war mühsam und der Weg schien kein Ende zu nehmen. Und als wir endlich den Gipfel mit Wetter- und Bergstation sahen, war es noch immer weit. Unwillkürlich musste ich an Heinrich Heine denken. Als er im Harz den Brocken bestieg, soll er so ungefähr gesagt haben: „…gar schwerlich ist der Aufstieg“. Wie wahr. Auf dem Bergplateau angekommen, pfiff uns ein kalter Wind um die Ohren. Doch wir waren am Ziel. Froh und stolz, die Wandertour gut bewältigt zu haben, holten wir unsere Wander-Fitness-Pässe hervor und ließen uns die Kilometer durch Herbert abzeichnen. Das Deutsche Wanderabzeichen in Bronze prangte längst an unseren Rucksäcken, schließlich gehörten wir zum harten Kern vom Wanderverein „Gut Fuß“. Unser Wanderleiter Herbert, wie konnte es anders sein, hatte bereits das Deutsche Wanderabzeichen in Gold und sogar die goldene Anstecknadel. Rosi und Peter, beide Vielwanderer, erwarben mit dieser Wanderung das Abzeichen in Gold. Sie hatten wirklich Ausdauer und eine super Kondition. So liefen sie einmal bei der Wanderwoche am Finaltag 44 km und das bei Temperaturen um die 30 Grad; nur mal nebenbei erwähnt. Wir restlichen hatten die Bedingungen für das Abzeichen in Silber erfüllt und unsere Freude war so groß, dass wir lautstark jubelten. Dann war unsere dreitägige Wanderung zu Ende – noch nicht ganz. Die regionale Schmalspurbahn brachte uns heraus aus dem Kufengebirge und beim Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft zogen wir ein Resümee. Bei milden Temperaturen sind wir gestartet und bei Kälte haben wir den Berg verlassen. Wir hatten viel erlebt: seltene Tiere beobachtet, freundliche Menschen kennengelernt und imposante Naturschauspiele gesehen. Wir hatten Spaß, Bewegung und jeden Tag Natur pur. Von wegen, Wandern sei langweilig.

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